verantwortung - Fragen an Marcus Thompson

„Wir wollen Risiken effizient managen“



Was ist für die Gruppe Deutsche Börse das höchste Risiko?

Wir sind drei Arten von Risiken ausgesetzt: dem operationellen Risiko, Finanzrisiko und Geschäftsrisiko. Das operationelle Risiko macht rund 70 Prozent des Gesamtrisikos aus und unterteilt sich wiederum in vier Kategorien, von denen zwei von besonderer Bedeutung sind: Erstens die Verfügbarkeitsrisiken und hier insbesondere die Verfügbarkeit der IT – was passiert, wenn unsere Systeme nicht funktionieren, mögliche Schadenersatzansprüche aufgrund geschlossener Märkte – und zweitens Rechts- und Compliance-Risiken, die beispielsweise aus der nicht zwangsläufig einheitlichen Sanktionspolitik in Europa und den USA resultieren. Das Finanzrisiko macht rund 20 Prozent des Gesamtrisikos aus. Es unterteilt sich in Markt- und Kreditrisiko. Anders als bei Banken ist unser Marktrisiko sehr gering und trotz umfangreicher Kreditengagements ist auch unser Kreditrisiko relativ gering, da es durch Sicherheitsleistungen und den Clearingfonds der Eurex Clearing AG weitgehend gemindert wird. Das Geschäftsrisiko bezeichnet die Gefahr von Erlösverlusten oder Kostensteigerungen, die unsere Geschäftsziele konterkarieren: Hier ist das größte Risiko, dass wir eine neue Entwicklung verpassen, irgendetwas, das die Märkte von Grund auf verändert – schöpferische Zerstörung sozusagen. Und das ist genau der Grund, warum „Accelerate“ aus meiner Sicht so wichtig ist: weil wir dadurch uns selbst und unsere Arbeitsweise in einem anderen Licht sehen.

Marcus Thompson

Chief Risk Officer

Der britische Staatsbürger Marcus Thompson ist schon seit vielen Jahren für die Gruppe Deutsche Börse tätig. Er verantwortet seit Oktober 2013 als Chief Risk Officer das Risikomanagement des Konzerns und ist darüber hinaus Mitglied im Aufsichtsrat der Clearstream Banking AG.

Wenn es in Griechenland zu einer Staatspleite gekommen wäre – was dann?

Sowohl bei Clearstream als auch bei Eurex Clearing haben wir griechische Kunden. Wir akzeptieren seit geraumer Zeit keine griechischen Wertpapiere mehr als Sicherheiten – und die Kreditlinien, die wir unseren griechischen Kunden eingeräumt haben, waren sehr niedrig und stets besichert. Das Kreditrisiko lag effektiv somit bei null. Im Falle eines Staatsbankrotts hätten wir keinen Kreditverlust erlitten. Da wir nur einen geringen Teil unserer Erlöse mit griechischen Kunden generieren, ist auch das Geschäftsrisiko sehr gering. Im Hinblick auf das operationelle Risiko war bei Clearstream ein Arbeitskreis aktiv, der sich mit den Änderungen im regulatorischen Umfeld und den von Griechenland eingeführten Kapitalkontrollen befasst hat. Aus meiner Sicht war die Situation für uns alle ungewohnt, denn Griechenland hat diese Vorschriften über Nacht erlassen und wir mussten sie gemeinsam mit dem übrigen Markt am nächsten Tag befolgen. Das war alles andere als einfach, zumal die Vorschriften natürlich auf Griechisch erlassen wurden. Keiner hatte sie vorher auch nur gesehen und wir mussten sie irgendwie auf die gleiche Art und Weise wie unsere Kunden interpretieren und Beschwerden, wir hätten falsch gehandelt, zu vermeiden versuchen. Wäre Griechenland ausgefallen, wäre es nur noch komplizierter geworden. Im Großen und Ganzen jedoch hat alles geklappt, weil wir gut vorbereitet waren und sich das ganze Team über mehrere Wochen täglich zusammengesetzt hat, um die nächsten Schritte zu koordinieren und an die aktuellsten Entwicklungen anzupassen.

Wie bewerten Sie das Risiko eines möglichen EU-Austritts von Großbritannien?

Das ist eine sehr schwierige Frage für mich, denn ich bin Brite, lebe aber seit geraumer Zeit in Deutschland. Was ein Austritt für mich persönlich bedeuten würde, darüber kann ich nur spekulieren. Ich sehe mich selbst als Europäer, ich will Europäer bleiben und es ist nicht auszuschließen, dass ich dafür eine neue Staatsbürgerschaft annehmen muss. Aus geschäftlicher Sicht sind unsere Kunden mit Sitz in Großbritannien natürlich sehr wesentliche Teilnehmer am europäischen Kapitalmarkt. Ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt, der auch Großbritannien einschließt, ist auf globaler Ebene eindeutig wettbewerbsfähiger als ein fragmentierter. Kehrt Großbritannien der EU den Rücken, wäre das ein Verlust für alle Europäer.

Worin unterscheiden sich Risikominimierung und Risikomanagement?

Unser Risikomanagement bezogen auf unser Geschäft folgt drei Grundsätzen. Erstens wollen wir die Risiken, die wir eingehen, verstehen. Zweitens wollen wir sie effizient steuern. Und drittens wollen wir ein angemessenes Risiko-Ertragsverhältnis erreichen, d. h. der Ertrag muss uns für das Risiko entschädigen. Wer unternehmerisch tätig ist, geht Risiken ein. Wir wollen diese Risiken jedoch aktiv steuern, sodass sie unserer Risikobereitschaft entsprechen – das meine ich mit „effizientem“ Risikomanagement. In bestimmten, zentralen Bereichen der Marktinfrastruktur, insbesondere im Clearinghaus, ist diese Bereitschaft übrigens sehr gering.



Informationstechnologie

Börsenorganisationen sind heute auch Technologieunternehmen. Robuste IT-Systeme auf dem neuesten Stand der Technik sind das Fundament fast aller Services für die Kapitalmärkte. Dabei ist der unterbrechungsfreie Betrieb der Systeme in den Rechenzentren der Gruppe Deutsche Börse die Grundlage für einen zuverlässigen Ablauf von Handel, Abwicklung und Verwahrung. Diese Zuverlässigkeit wird durch die Prozesse für Entwicklung und Betrieb im IT-Bereich gewährleistet, die nach den ISO-Standards 9001 und 20000 zertifiziert sind. Die Deutsche Börse bietet ihren Kunden weiterhin individuelle Systemlösungen, etwa für die Anbindung an die Systeme der Deutschen Börse, spezialisierte Handelssoftware oder Lösungen für SWIFT-Anbindungen, Kontenabstimmung und SEPA-Zahlungen.

Technologie ist ein Geschäftsfeld der Gruppe Deutsche Börse.