innovation - 360T im Porträt

Die beste Erfindung seit 20 Jahren



Auch zur besten Idee gehört Glück. Glücklich läuft Carlo Kölzer durch seine neuen Büroräume in der Frankfurter Innenstadt. An einem Schreibtisch lehnt ein zusammengeklappter Laufstall, gerade war „Family Day“ bei 360T . Die Umgangssprache ist Englisch. Die Hierarchien sind flach. Zeiterfassung gibt es keine, gearbeitet wird ausschließlich „auf Ziel“, wie Kölzer das nennt.

Die Anfänge waren bescheiden, und der Blick aus den Fenstern ging damals auch nicht auf die Höhenzüge des Taunus und das feine Westend, sondern auf eine Kreuzung in Sachsenhausen, dem Viertel südlich des Mains, eher bekannt für seine Kneipen als für Fintech-Labors. „Der Serverraum war auch der Raucherraum“, erzählt Kölzer – es musste gespart werden. Kundentermine wurden nach dem Flugplan gemacht: Der billigste Flug nach London war das Kriterium.

Carlo Kölzer

Global Head of FX, Gruppe Deutsche Börse

Carlo Kölzer, CEO von 360T, gründete im Juli 2000 die Devisenhandelsplattform in Frankfurt am Main. Bei der Gruppe Deutsche Börse, die 360T im Juli 2015 übernommen hat, ist er seit Oktober des gleichen Jahres Mitglied des Deutsche Börse Group Management Committee.

Zuvor war er Banker und aus eigener Erfahrung wusste er: Die Banken haben seit 20 Jahren keine neue Technologie entwickelt. Seine Idee: eine zentrale Plattform für den Devisenhandel (Foreign Exchange, FX). Der nämlich hinkte dem Aktienhandel deutlich hinterher und in den üblichen Telefonabfragen der Kunden bei den Banken gab es viele Missverständnisse („Fifty?“ – „Fifteen!“). Warum dauerte es doch recht lange, bis 360T die ersten großen Kunden gewinnen konnte? „Banken und Kunden haben, solange keiner auf unserer Plattform war, aufeinander gewartet“, berichtet Kölzer. „Und: Die Banken hatten eher kein Interesse an unserer Lösung, denn ihre Margen waren gefährdet. Dann kamen Dresdner Bank und Lufthansa zu uns – das war der Durchbruch.“ Angebot traf auf Bereitschaft.

„Three guys and a laptop“

Der Anfang war nicht gerade leicht. „Wir waren three guys and a laptop – buchstäblich“, erzählt Kölzer. „Und wir hatten zwar Bank-, aber keine FX-Erfahrung.“ Klingt nicht gerade nach einem Erfolgsrezept. Hinzu kam noch eine andere Schwierigkeit, wonach ihn der Investor fragte: „Wer programmiert denn bei euch?“ Die Frage war berechtigt.
Der Programmierer kam dann aus Übersee: mit Tätowierung, Piercing und Flipflops. Ein kurzer Schreckmoment, als er die Tür öffnete, wie sich Kölzer erinnert. Für den Job in Frankfurt hatte der Australier sein Auto verkauft, Freundin und Wohnung aufgegeben. One-way nach Deutschland, dann ging es bei 360T los. „Mathew ist heute noch im Unternehmen, er leitet unser Asiengeschäft.“ Auch die ersten drei Mitarbeiter sind noch dabei, und viele sind seit zehn Jahren im Unternehmen.

Ist mittlerweile eher zu viel Geld im Fintech-Markt? Kölzer ist zurückhaltend: „Geld schadet nicht“. Aber, wie er hinzufügt, auch viel Geld kann keine gute Idee erzwingen: „Neun Mütter kriegen das Kind auch nicht in einem Monat.“ Er war jedenfalls gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – eine hohe Motivation, es mit den gegebenen Mitteln zu schaffen. Die Schwierigkeiten und die Stolperfallen des Devisenhandels kannte Kölzer damals nicht. „Wir sind einfach losgelaufen und wussten anfangs z. B. nicht, dass wir reguliert werden müssen – heute weiß ich, dass viele Ideen an solchen Hürden zerschellen. Zum Glück hatte ich damals keine genaue Vorstellung von der tatsächlichen Komplexität.“

360T und der Devisenhandel

Der Devisenhandel ist mit einem Umsatzvolumen von über 5 Bio. US$ täglich das bedeutendste Segment des internationalen Finanzmarktes überhaupt. Mit 360T hat die Gruppe Deutsche Börse seit Mitte 2015 ein Kompetenzzentrum für den globalen Fremdwährungshandel. Die Handelsplattform von 360T ermöglicht den transparenten und sicheren Handel von Fremdwährungen, Geldmarktprodukten sowie Währungs- und Zinsderivaten auf technisch höchstem Niveau. 360T® ist mit einem täglichen Handelsvolumen von 100 Mrd. US$ die größte Devisenhandelsplattform weltweit.

Die Antriebsfeder für Carlo Kölzer war die Formel „The sky is my limit“ – auch auf die Gefahr hin, dass das Unternehmen gar nicht erst abhebt. Dieses Risiko ist er bewusst eingegangen und dies ist das Gefühl, der Antrieb und die Risikobereitschaft, derer es als Unternehmer bedarf und die sich in diesem Fall ausgezahlt haben.