„Sicherheit ist in die DNA unserer Märkte eingeschrieben“

status - Handelssicherheit als europäischer Wert

Robuste Märkte haben ein klares Design

Die Geschwindigkeit nimmt zu, und das in allen Bereichen des Lebens. Die Deutsche Börse hat mit der Umstellung auf elektronische Handelssysteme bereits vor fast zwei Jahrzehnten einen wesentlichen Schritt hin zum automatisierten Handel unternommen.

„Manche Kritiker des Wertpapierhandels verlangen eine künstliche Verlangsamung, die dem technischen Stand der Dinge geradezu entgegensteht“, sagt Dr. Miroslav Budimir, Head of Segment Management und verantwortlich für die Marktstruktur des Kassamarktes der Gruppe Deutsche Börse. „Diese Forderung wird sich vermutlich nicht durchsetzen.“ Dabei gibt es solche Formen der künstlichen Verlangsamung sogar schon – sie sind allerdings Extremsituationen vorbehalten: „Sie dienen ausschließlich dazu, einen fairen, transparenten und liquiden Handel aufrechtzuerhalten“, so Budimir weiter.

Dr. Miroslav Budimir

Head of Segment Management, Deutsche Börse AG

Der Senior Vice President leitet bei der Gruppe Deutsche Börse die Segment Management Unit im Bereich Cash Market; er arbeitet seit 2002 für die Gruppe.

Brieftauben und Glasfaserleitungen

Schon immer war im Handel Zeit Geld. Bis ins frühe 19. Jahrhundert waren es Brieftauben, die von den Schiffen aus Europa aufstiegen, sobald die amerikanische Küste in erreichbarer Nähe war. Sie brachten die neuesten Nachrichten, noch bevor Schiff und Mannschaft im Hafen einliefen – und im selben Moment konnten die Händler, die diese Eilnachrichten zuerst erhielten, ihre Handels- und Preispolitik darauf einstellen. „Wer den Zeitvorsprung von wenigen Stunden geschickt zu nutzen wusste, war im Vorteil“, so Budimir. Heute geht es nicht mehr um Stunden, sondern um Millisekunden – keine Brieftauben und auch kein Telefonanruf mehr. Ja, selbst ein Zuruf auf dem Parkett wäre viel zu langsam – da müssen schon Glasfaserleitungen für das Übermitteln der Aufträge her: „Geschwindigkeit ist seit jeher ein Prinzip des freien Handels.“


Handel

Der Börsenhandel ist die beste Annäherung an den „perfekten“ Markt, vor allem, weil dort Angebot und Nachfrage verzerrungsfrei und direkt aufeinander treffen. Die Deutsche Börse betreibt regulierte Märkte für Aktien, Anleihen und viele weitere Produkte auf Basis des elektronischen Handelssystems Xetra®. Ebenfalls gehandelt werden Terminprodukte, sog. Derivate. Sie sind aus anderen Anlageobjekten abgeleitet (z. B. aus Aktien, Indizes, europäischen und US-Anleihen, Devisen oder Waren bzw. Rohstoffen) und werden über die Marktarchitektur T7® auf den verschiedenen Handelsplattformen von Eurex gehandelt. Das gilt auch für den Handel von CO2-Emissionen an der European Energy Exchange. In allen regulierten Handelssegmenten werden auf Basis freier Kauf- und Verkaufsentscheidungen faire und transparente Preise gebildet, die als Richtlinien für die Zukunftschancen von Unternehmen dienen.

Handel ist ein Geschäftsfeld der Gruppe Deutsche Börse.

Auf die Plausibilität kommt es an

Darüber, dass Geschwindigkeit wichtig ist, sind sich die Handelsteilnehmer weltweit vermutlich schnell einig. In Sachen Sicherheit gehen die europäischen Märkte jedoch einen anderen Weg als etwa der US-amerikanische. „Wir haben unumgängliche Sicherheitsmerkmale in die DNA unserer Märkte eingeschrieben“, erläutert Budimir. Am Anfang stehen Plausibilitätsprüfungen, noch bevor die Aufträge der Kunden ins System eingehen. „Hier fangen wir die so genannten Fat Finger Errors gezielt ab“, sagt Budimir. „Zum Beispiel, wenn ein Händler normalerweise 1.000 Stück zu 10 Euro kauft, einmal aber fälschlicherweise einen Auftrag für 10 Stück à 1.000 Euro eingibt, merkt das System, dass hier etwas nicht stimmen kann.“

Im System selbst wirkt die sog. Volatilitätsunterbrechung. Sie ist ein sehr effektiver Schutz gegen ein Phänomen, das aus den USA kommend für Schlagzeilen gesorgt hat: den sog. Flash Crash. Mit Hilfe eines vordefinierten Preiskorridors sorgt die „Vola-Unterbrechung“ für eine elektronisch gesteuerte Plausibilitätsprüfung des nächsten zustande kommenden Preises.

Liegt dieser Preis außerhalb des Korridors, wird der kontinuierliche Handel kurzfristig unterbrochen und der Markt über diese Sondersituation informiert. Marktteilnehmer erhalten somit eine Bedenkzeit, in der sie ihre Aufträge überprüfen und löschen oder anpassen können, um sich auf die neue Situation einzustellen. Danach wird der kontinuierliche Handel fortgesetzt.


Merkmale von T7® und Xetra®

Die wichtigsten Merkmale der Derivate-Handelsplattform T7®:
  • optimierte Verarbeitung und verbesserte Berichterstattung
  • erweiterte „Calendar Spreads“ (Wertdifferenzen zwischen Optionen auf den gleichen Basiswert, die aber zu verschiedenen Zeiten auslaufen)
  • deutlich schnellere Bereitstellung neuer Produkte und Funktionalitäten
  • flexiblere Zeitpläne bei der Implementierung von Software-Upgrades
Die wichtigsten Merkmale der Handelsplattform Xetra® Release 16:
  • marktschonender und schneller Handel großer Volumina (Volume Discovery Order)
  • MiFID II-konforme Lösungen
  • optimale Ausführung großer ETF-Orders durch Interaktion mit dem gesamten Orderbuch (Designated Sponsor Quote Request)
  • Schutz vor unerwünschten Ausführungen der Orders aus dem eigenen Haus (Self Match Prevention)
Direkter Kontakt zum Team Eurex Exchange und Team Xetra:
technology.roadmap@eurexchange.com
xetra@deutsche-boerse.com

Statischer und dynamischer Volatilitätskorridor

Volatilitätskorridor

„In der Volatilitätsunterbrechung nutzen wir zwei Korridore: Der dynamische Korridor basiert auf dem letzten festgestellten Preis und fängt abrupte Preisveränderungen ab“, ergänzt Budimir. „Der statische Korridor hingegen ist beständiger und etwas weiter gefasst als der dynamische. Mit diesem fangen wir den Fall mehrerer kleiner, aufeinander folgender Preisänderungen ab, die in der Summe einen größeren Preisrutsch – einen Flash Crash – ausmachen würden.“ Wenn also der Handelsverlauf den dynamischen Korridor nach und nach verschieben und dessen Kontrollfunktion auf diese Weise aushebeln würde, griffe der statische Korridor ein. „Auch dann wird der kontinuierliche Handel unterbrochen“, so Budimir. „Wir sehen ebenfalls den Fall vor, dass der Preis nach einer ‚Vola‘ weiterhin stark vom vorherigen Preis abweicht. Dann greift unser dritter Sicherheitsmechanismus: die erweiterte Volatilitätsunterbrechung. Bei ihr prüft ein qualifizierter Mitarbeiter der Börse, ob es Nachrichten gibt und eine entsprechende Orderbuchlage vorliegt, die eine auffällige Preisbewegung rechtfertigen. Der Börsenmitarbeiter entscheidet also nach durch die Geschäftsführung beschlossenen Regeln, in Kombination mit seiner Expertise und Erfahrung, wann der Handel wieder aufgenommen wird.“

Transparent aus Verantwortung

Wichtig ist Budimir das dahinter stehende Prinzip. Denn auch extreme Preisausschläge können im Einzelfall gerechtfertigt sein: „Neue Fakten über ein Unternehmen oder andere Neuigkeiten können einen stark abweichenden Preis natürlich nachvollziehbar machen“, erklärt Budimir. „Wir wollen nur plötzliche, abrupte Preisausschläge verhindern, nicht einfach starke Preisausschläge als solche. Denn wir als Marktbetreiber können nicht beurteilen, welches der angemessene Preis für eine bei uns gehandelte Aktie ist. Dies wird durch die Interaktion der Käufer und Verkäufer über die Auftragserteilung an unserem Markt und die daraus resultierende Preisfindung sichergestellt. Wir unterstützen diesen Prozess, indem wir die Spielregeln für diese Interaktion vorgeben, die für alle Marktteilnehmer gelten. Und wir machen diese Regeln transparent. Das stärkt das Vertrauen der Marktteilnehmer in den Preisbildungsprozess und damit in den Handel auf den Märkten der Deutschen Börse. Anders ausgedrückt: Wir sind für die Grammatik zuständig, nicht für die Inhalte im engeren Sinne, könnte man sagen. Unsere Kunden schätzen die Robustheit unserer Märkte – und zwar im Sinne der technischen Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit, aber eben auch im Sinne eines schnellen, fairen und transparenten Handels“, ist sich Budimir sicher.


Clearing

Im Clearing werden Finanzinstrumente mit Forderungen verrechnet. Die Eurex Clearing AG und die European Commodity Clearing AG, die Clearinghäuser der Gruppe Deutsche Börse, agieren als Käufer bzw. Verkäufer für jeden Verkäufer bzw. Käufer. Um die im Handel entstehenden Risiken zu managen, hinterlegen Marktteilnehmer Sicherheiten. Clearing ist vergleichbar mit einer Versicherung für die Marktteilnehmer gegen den Ausfall eines Vertragspartners.

Zudem wird das Clearing außerbörslicher Geschäfte immer wichtiger – forciert durch die Regulierung der Finanzmärkte, aber auch wegen seiner Sicherheitsmerkmale. Die Gruppe Deutsche Börse bietet ein effizientes Clearing für alle Handelsarten an, wobei die Angebote stetig verbessert und ergänzt werden. Jüngstes Beispiel hierfür ist die Möglichkeit, große Handelsaufträge marktschonend – also ohne Preisverzerrungen – und im Einklang mit den regulatorischen Bestimmungen abzuwickeln. Die Deutsche Börse wird damit ihrer Verantwortung gerecht, den regulierten Handel servicestark und effizient und damit möglichst attraktiv zu gestalten.

Clearing ist ein Geschäftsfeld der Gruppe Deutsche Börse.